Samstag, 4. August 2018

Lyss - Lustenau

Gar nicht so einfach, daheim einen Schlusseintrag zu formulieren. Die vertrauten vier Wände erzeugen in null komma nix einen gewissen Abstand, ein Gefühl der Unwirklichkeit zu dem gerade Erlebten. Sind wir wirklich in 12 Tagen von Casablanca nach Lustenau geradelt, 2776 Kilometer und 23200 Höhenmeter? Das ist in einem gewissen Sinne objektiv und unmissverständlich. Es sind Zahlen, die eine solche Tour für interessierte Menschen übersetzen, ihnen eine Idee davon geben, was es bedeutet. Aber was bedeutet es? 



Für uns machen diese Radtouren außerhalb der Norm die eigene Existenz greif- und erlebbar(er). Topographie, Vegetation und Klimazonen werden Meter für Meter mit eigener Kraft durchquert. Die hohe Intensität setzt den Körper in einen permanenten Alarmzustand, ändert Wahrnehmung und Empfindsamkeit. Das eigene Dasein kumuliert und wird in ein neues Verhältnis zu der Erde, auf der wir leben gerückt. 3,5 Stunden Hinflug, 12 Tage Radreise retour. Natürlich wäre das Verhältnis ein noch extremeres, ginge man zu Fuß oder gäbe es keine Straßen, oder ...


Sofern es also einen gewissen Rahmen an Realität, an Umwelt und Mitmenschen gibt und wir und unser Leben nicht nur ein Produkt unserer eigenen Hirngespinste sind, ist eine Tour wie diese eine reale "Lebensintensivierungs-Maßnahme", die man nur unter gewissen Voraussetzungen umsetzen kann. Da braucht's zum Beispiel einen gewissen Wohlstand, frei von existenziellen Bedrohungen, der erst den Nährboden für Ideen dieser Art bildet, keine groben Sorgen, die die Psyche binden, eine robuste Gesundheit, eine anständige Form und einen Gleichgesinnten, für den die Welt ähnlich tickt. 


All das hat wieder gepasst und schließlich zum Erfolg geführt. Zudem gab es ganz viele, die unsere Reise Tag für Tag mitverfolgt haben, nämlich annähernd 4000 Seitenaufrufe in den letzten zwei Wochen. Vielen Dank für euer Interesse! 


Freitag, 3. August 2018

Belley (Frankreich) - Lyss (Schweiz)

Das ist wie bei einer Verstopfung, du drückst und drückst, aber der 200er will und will nicht kommen! Bis um halb neun abends treten wir heute (nach einem verhältnismäßig späten Start zugunsten eines delikaten Frühstücks) wie die Irren gegen den Wind - sollte der nicht aus Westen blasen, Kruzifix nochmal?! 




Am Vormittag sind wir erstmal noch eine Weile mit "La France" beschäftigt, dann geht's bei Genf über die Grenze. 


Der Tunnelblick hat längst eingesetzt. Die schönen Seen - Genfer See, Lac de Neuchâtel und Murtensee - registrieren wir nur noch aus der Peripherie, der Blick bleibt stur auf die Straße gerichtet: "Rollin', rollin', rollin', keep them wheelies rollin'!"




Der 200er fällt dann doch irgendwann und wir legen bis zur untergehenden Sonne sogar noch einen drauf: 230 Kilometer und satte 2050 Höhenmeter.
Morgen wird uns hoffentlich der Stalltrieb zu Hilfe kommen - die ältesten Gäule verfallen in wilden Galopp wenn die Heimat ruft. Die letzte Etappe sollte also auch noch zu schaffen sein!

Donnerstag, 2. August 2018

Pont Saint Esprit - Belley

"Oh lord, why don't you grant us, one easy day?", ist man versucht Janis-Joplin-mäßig in den Gegenwind und die aufgeheizte Welt hinaus zu schreien! Aber wir bleiben standhaft und reißen und zusammen.

Wenn ich dereinst auf dem Sterbebett liege, das große Nichts ganz nah, bringe ich hoffentlich die gleiche Stärke auf und flüchte mich nicht in die Verheißungen falscher Propheten, sondern beschäftige mich stattdessen mit der vielen Zeit, die ich hatte, der wenigen, die mir noch bleibt und vor allem den Menschen, die zu meinem Leben gehörten.

Bitte verzeiht den kurzen Off-Topic-Ausflug, also wo waren wir? Ah ja, das harte Radlerleben! 

Nach einer heißen Nacht mit 29 Grad im Zimmer (diesmal leider ohne Klimaanlage) starten wir noch ganz groggy das Rhonetal hinauf. 

Der Rhone-Stream, das grüne Windmonster, gegen das wir heute ankämpfen.

Eine Zeit lang geht es auf der Bundesstraße dahin, aber dann führt uns Madame Komoot (die Navigationstimme) über - zugegebenermaßen landschaftlich wunderschöne - "Abkürzungen" wilde Steigungen hinauf und ebensolche Abfahrten wieder hinunter. Die 227 Kilometer und 1890 Höhenmeter hatten's wieder einmal in sich!

Mittwoch, 1. August 2018

Narbonne - Pont Saint Esprit

Das Kilometersammeln wird nicht leichter: die Knie schmerzen, die Fußsohlen brennen, inzwischen sind alle Zehen taub bzw. eingeschlafen, die Oberschenkelmuskulatur und der Gluteus Maximus protestieren angesichts der Schwerarbeit, die sie jeden Tag leisten müssen. Beim Treppensteigen im Hotel nehmen wir die Handläufe auf beiden Seiten zu Hilfe. 

Und trotzdem ist die Fahrt durch die südfranzösische Landstraßenidylle, in der wir uns heute über weite Strecken bewegen, wieder mit Genuss verbunden. Zwar hat sich an den harten Bedingungen grundsätzlich nichts geändert - ein extrem heißes Auf-und-Ab von morgens bis abends - aber wir haben wieder mehr Zeit, den Blick über die schöne Landschaft und die reizvollen, historischen Städtchen schweifen zu lassen. 

Der Verkehr ist rund um die großen Städte Bezier und Montpellier, die wir passieren, immer noch extrem lästig, hat sich aber insgesamt so weit beruhigt, dass wir unsere spannenden Hörbücher nicht bei jedem LKW, der im Rückspiegel auftaucht, unterbrechen müssen und mehrmals haben wir den intensiven Duft von Thymian in der Nase.

Wir halten uns immer brav an die Vorschriften - da steht "Sauf", also tun wir's - beim dritten Tankstopp am heutigen Tag. Man kann sich ausrechnen, was da zusammenkommt.

Gegen Abend ziehen Gewitterwolken auf - nach dem 212er-Bierchen (1730 Hm) geht's darum nicht mehr weiter, obwohl sich später nach ein paar Regentropfen alles wieder verzieht. Da haben wir aber bereits eingecheckt. Unsere sympathische Wirtin hat den Regentanz, von dem sie uns erzählt hat, also umsonst aufgeführt. Eigentlich müssten wir wieder Party machen, denn heute haben wir irgendwann im Laufe des Nachmittags den 2000er geknackt, aber vielleicht gehen wir auch einfach nur schlafen ...

Dienstag, 31. Juli 2018

Cardedeu - Narbonne

Adiós España, vive la France !



Entlang der Urlauber-Hauptverkehrsroute geht es heute nach Südfrankreich. Dementsprechend zum Kotzen ist nach wie vor die Verkehrssituation.





Auf diesem Planeten gibt es einfach schon zu viele Homo sapiens, insbesondere solche, die Autos besitzen und furchtbar gerne damit herumfahren. Masse bedeutet in einem gewissen Grad immer auch Individualverlust, Desinteresse, Abgestumpftheit und Rücksichtslosigkeit - aber dazu vielleicht in einem abschließenden Kommentar mehr.

In Pont de Mollins entdecken wir einmal mehr ein Badeplätzchen und nützen die Gelegenheit.



Es ist nach wie vor stechend heiß. Der Anstieg zur Grenze in den Pyrenäen ist nicht anspruchsvoller als eine der anderen unzähligen Steigungen, die wir täglich fahren. Auf französischer Seite geht's dann - trotz teils schlechten Straßen - nochmal flott dahin bis Narbonne.



Gesucht wird immer die optimale "Line".



In Narbonne heißt es Endstation für heute, das 200er-Bierchen ist angesagt, genauer gesagt, ein 233er-Bierchen (so viele Kilometer waren's nämlich heute, und noch 1590 Höhenmeter dazu). Allerdings schockt uns der Preis desselbigen - 3,50 für so einen lumpigen 25cl-Schluck! Wir sind nämlich von Spanien dahingehend extrem verwöhnt. Also wird beim Carrefour noch schnell vorgesorgt und nach einem Besuch beim Gourmet-Kebab gleich über der Straße, wird unter der feinen Klimaanlage Party gemacht.

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Montag, 30. Juli 2018

Sant Carles de la Rapita - Cardedeu

Was für eine Schinderei! Noch halten wir dank knallhartem Zeitmanagement durch. Ich wundere mich ja immer, wie wir das Tag für Tag bewältigen. Die Weicheier bei der Tour de France zum Beispiel fahren ihre Kurzetappen und lassen sich dabei rund um die Uhr von allen Seiten verwöhnen und betreuen, kriegen hier und da noch ein Tablettchen oder Spritzchen - mit Verpflegungs- und Navigationsproblemen, roten Ampeln und  Staus brauchen die sich nicht zu befassen. Wir hingegen beginnen nach durchschnittlich fünf Stunden Schlaf unser gnadenloses Tagesprogramm. Zusammenpacken, Morgentoilette mit Hirschtalg und Faktor-50-Sonnencreme, Räder aus irgendeiner Kammer, einer Garage oder dem Zimmer in aller Herrgottsfrühe hinauszerren und satteln, müde und leer lostreten - richtig gefrühstückt haben wir bisher ein einziges Mal. Beim ersten Hungerast, einer ausgetrockneten Kehle oder sonstigen Schwächeleien müssen wir wohl oder übel auf Kalorien- und Flüssigkeitssuche. Das wiederholt sich ein paar Mal täglich und kostet Zeit, ist aber ein interessantes Spiel mit dem eigenen Körper und der persönlichen Leistungsfähigkeit - das mögen, ja lieben wir sogar. Was wir aber gar nicht mögen, ist ein Scheißverkehr wie heute und als Draufgabe noch die 20 Kilometer Kamikaze-Barcelona-Durchquerung. Bei konservativer Fahrweise bräuchte man dafür sicher einen halben Tag, wir rasen im Adrenalinrausch in einer guten Stunde durch. Die Aussicht auf das 200er-Bierchen lässt uns weitermachen, letztes Jahr gab's schon nach hundert Kilometer eins - das können wir uns heuer nicht leisten. Bei der Gelegenheit checken wir mögliche Unterkünfte, eine Entscheidung über das Etappenziel wird getroffen und anschließend heißt es oft noch eine Stunde oder so im Abendlicht hineintreten. Dann wird eingecheckt, das Gepäck muss von den Böcken, die Körper und die Klamotten müssen gewaschen und eine Bar oder ein Restaurant gefunden werden. Dort heißt es essen, trinken und die digitalen Pflichten erledigen - was jetzt gerade passiert. Das ist selten vor zwölf, halb eins erledigt. Bis wir zurück im Zimmer sind und jeder für sich noch ein paar Minuten durchgeatmet hat, ist es eins oder halb zwei - macht die am Anfang genannten maximal fünf Stunden Schlaf.

Morgendlicher Start durch die Reisfelder im Ebro-Delta.

Immer diese Verzögerungen.

Küstenabschnitt vor Barcelona.

Plastic Planet.

Ach ja, heute waren's 232 Kilometer und 1830 Höhenmeter.


Sonntag, 29. Juli 2018

Requena - Sant Carles de la Rapita

Vom Inlandszauber zur grotesk verschandelten Mittelmeerküste - und die ganze Welt macht an solchen Plätzen Urlaub! Postkartenidylle auf der Vorderseite, Trostlosigkeit ab der 2. Reihe, Betonklötze, ausgetrocknete Wasserläufe und alle Kategorien von Straßen - von der Autobahn bis zur holprigen, kleinen Gasse.










Aber alles der Reihe nach. Nach dem gestrigen Umweg über die Canyonlandschaft bei Cofrentes, möchten wir heute zu Beginn ein bisschen Tempo machen und nehmen vormittags kurzerhand die noch ruhige Autobahn bis ca. 20 Kilometer vor Valencia. Das schert hier niemanden, weder PKW, noch LKW, noch Polizei. Als es dann dreispurig wird, wird es uns doch zu heiß und wir klettern über die Leitplanke in das untergeordnete Straßennetz. 


Diese elendiglichen Großstadtdurchfahrten dauern und nerven gewaltig mit ihren Speedbumps und roten Ampeln, von denen wir eh 90 Prozent ignorieren. 


Mühsam geht es durch zig grausliche Städte und Orte mit all ihren Hindernissen Richtung Norden. Da hilft nur ein Hörbuch oder Louis Armstrong's unvergleichlich akzentuierte Trompete im Kopfhörer, bei der es mir sogar bei 35 Grad im Schatten eine Gänsehaut aufzieht. Nach 249 Kilometern und 1230 Höhenmetern stranden wir in einem dieser Urlaubskäffer. Was soll's, wir nehmen's wie's kommt ...




Der eine oder andere schöne Kilometer war ja schon dabei!


Ganz Santa Magdalena de Pulpis im Stierkampffieber!




Ein Long-Distance-Kollege, der vor zwei Monaten in Ceuta losgetreten ist. Der muss aber viele (Rauch-)Pausen gemacht haben!

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